hanfscene-wien100.000 in Rio, 15 GMMs in Deutschland, zwei in Öster-reich und keiner in der Schweiz
Auch in Deutschland war der diesjährige GMM weitaus erfolgreicher als die vielen Jahre zuvor. Am 3., 4. und 10. Mai fand in 15 deutschen Städten der Global Marijuana March 2014 statt, der insgesamt über 5.000 Menschen auf die Straße lockte. Die größten Veranstaltungen zur Re-Legalisierung von Cannabis gab es in Ulm(!), Dortmund und Berlin, wo jeweils über 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Ende der Repression gegen Hanf-Konsumierende einforderten. Weitere Veranstaltungen gab es in Hamburg, Heidelberg, Plauen, Frankfurt a. M., Erlangen, Nürnberg, Dresden, Hannover, Kempten, München und im österreichischen Salzburg. Lediglich die Schweizer überlassen das Feld der Re-Legalisierung lieber der Politik, die nach der Abstimmungsniederlage der Hanfinitiative 2008 gerade anfängt, sich wieder für das Thema zu interessieren. Für Hanf geht dort trotz des erst in den letzten drei Jahren durchgesetzten Samenverbots leider niemand mehr auf die Straße.
Weltweit gingen 2014 in den ersten beiden Maiwochen über 300.000 Menschen als Teil des Global Marijuana March auf die Straße, 100.000 davon alleine im brasilianischen Rio.
Stecklings- oder Samenmetropole?
Da in der Mozartstadt sowohl Stecklinge als auch Samen legal gehandelt werden, habe ich mich gefragt, was denn angesagter ist, wenn man ohne viel Aufwand zwischen beiden Alternativen wählen kann. Aus diesem Grund habe ich mich am Freitag vor dem Hanfwandertag mit zwei weiteren „Spezialisten" der Wiener Hanfszene getroffen. Hannes vom Growshop Indras Planet hat sich auf ein besonders großes und ausgefallenes Sortiment von Hanfsamen Northern Light konzentriert, während sich Drazen von Hanf & Hanf seit Jahren der Zucht von Stecklingen widmet.
Mein erster Weg führt mich in den Zwerchäckerweg 39 im 22. Bezirk, wo ich mir die neuen Räumlichkeiten und nicht zuletzt die zahlreichen Strains aus Hannes' Sortiment anschauen möchte.
Das Indras Planet-Team ist noch mit dem Schmücken seiner drei Gefährte für die Demonstration beschäftigt, als ich mich vorbei an drei großen Mutterpflanzen in die riesige Halle schleiche, um mir erst einmal alles in Ruhe anzuschauen. Die Ausstellungsfläche und die Auswahl an Produkten ist riesig, mir fallen vor allen Dingen all die schönen Sachen zum Extrahieren von Gras oder Ernteresten auf, die man bei uns in Deutschland bislang nur vereinzelt findet. Silikonschalen, Silikondosen und Unterlagen aus diesem nicht haftenden Material sind optimal zur Aufbewahrung von Cannabisextrakten geeignet, da die ölig-harzige Masse dort nicht festkleben kann. Beim Betrachten der Zelte und Komplettsets fällt mir auf, dass auch bei Hannes im Laden ein paar echte kleine Hanfdamen zu haben sind, wenn auch nicht in dem Ausmaß, das mich bei meinem zweiten Besuch des Tages erwarten sollte. Doch dazu später.
 
Direkt vorm Counter steht eine fette Harley Davidson mit dem Schild „Medical Cannabis Motorcycles Tour". Ich kannte bislang nur die alljährliche Medical Cannabis Bike Tour von Paradise Seeds, die 2014 bereits zum zweiten Mal von Südfrankreich zur Spannabis nach Barcelona rollte und dabei einen sechsstelligen Betrag für die Krebsforschung in Spanien einfuhr (s. thcene 03/2014).
„Für mich ist Fahrradfahren nichts mehr", erklärt mir Hannes. „Aber ich fand die Aktion so cool, dass ich mir vorgenommen habe, eine Medical Bike Tour mit dem Motorrad ins Leben zu rufen. Der Erlös der Tour, die im August durch eine der berühmtesten UNESCO-Kulturerbe-Landschaften Österreichs führt, kommt der Cannabinoid-Forschung in Österreich zugute.
Hannes Ist Urgestein der Legalisierungs-Szene Wiens und setzt sich als Sponsor des Hanfwandertags, des ÖHV und der Medical Cannabis Bike Tour seit jeher und jetzt auch mit einer eigenen Tour für Belange von Konsumenten und Patienten ein. Deshalb bietet er auch die Öl-Bubbler der österreichischen Patientenvereinigung Van Hazing an, die in Zusammenarbeit mit Smile-Bongs speziell milde Glaspfeifen zum Konsumieren medizinischer Extrakte entwickelt hat.
Nach der Vorstellung seiner ganz persönlichen Herzensangelegenheit bitte ich Hannes, mir das Herzstück seines seit nunmehr 13 Jahren bestehenden Ladens zu zeigen: das riesige Samensortiment, das von B wie „Barneys" bis W wie „World of Seeds" fast alles umfasst, was Europa an seriöser Hanf-Genetik zu bieten hat. Neben Klassikern finde ich auch Sorten wie Tutankhamon oder Cream Manderine Fast Version, von denen ich bis heute höchstens mal den Namen gehört, das Gras jedoch nie gesehen oder geraucht habe. Hannes meint, der Markt sei mittlerweile auch für Alteingesessene schwer überschaubar. Besonders bei den spanischen Seedbanks sei die Sortenherkunft kaum noch nachvollziehbar. Hannes ist die Verfügbarkeit von Samen der großen und bekannten Häuser wichtig, speziell die CBD-reicher Sorten, was besonders für die neu vertretenen CBD-Crew-Samen, die von Breeder-Legende Shantibaba mitentwickelt wurden, gilt. Mit Hanfnüssen der Humboldt Seed Organisation ist Indras Planet auch einer der wenigen Shops, die Saatgut aus dem legendären Emerald Triangle* anbietet.
Außerdem legt Hannes Wert darauf, neben feminisiertem Saatgut und selbstblühenden Automatik-Sorten auch noch reguläres Saatgut im Angebot zu haben. Natürliches, unbehandeltes Saatgut ist besonders aufgrund der Entwicklung im Breeder-Land No. 1 — Spanien —, wo nur noch auf feminisierte oder selbstblühende Samen gesetzt wird, eine echte Rarität geworden. Dabei ist es zur Selektion von stabilen Mutterpflanzen wesentlich besser geeignet als feminisiertes, was besonders Profis und echte Indoor-Freaks in den Ländern ohne Seedshops betrifft. Als besonderes Leckerchen ist mir noch die Kritical Bilbo von Genethik ins Auge gestochen. Dieser Strain soll ein ganz besonderer Phänotyp der legendären Critical+ von Dinafem sein, die vor zwölf Jahren in Bilbao aus einer Packung Mr. Nice Critical+ Seeds gezüchtet wurde und danach als Clone-Only-Strain viele Preise eingeheimst hat. Genethik soll diesen legendären Strain durch lange Rückkreuzung jetzt als Samen anbieten, Feedback zum Anbau von Krilical Bilbo findet man u.a. auf grower.li
Auf seine Anestesia-Stecklinge im Iglu-Growzelt angesprochen, erklärt mir Hannes, die seien aus Automatik-Samen gezüchtet, das sei ein neuer Trend in Wien. Die müssten dann natürlich vor dem automatischen Einsetzen der Blüte raus aus dem Laden, ansonsten wären sie illegal. Trotz der zahlreichen wachsenden Hanfpflanzen bekam ich während meiner kurzen Reise nicht eine Blüte zu Gesicht, die nicht schon getrocknet war. Im Zelt nebenan habe er noch ein paar Stecklinge von Big Bud von Sensi Seeds, Purple Kush von Buddha Seeds und Double Dutch von Serious Seeds, die er von einem sehr erfahrenen Gärtner züchten lasse, meinte Hannes. Das sei aber nur so eine Art Service für kleine Stammkunden, eigentlich sei er Saatguthändler mit Leib und Seele. Meine Schlussfrage, ob denn nun in Wien und Österreich eher Stecklinge oder Samen angesagt seien, beantwortet mir der Saatgutberater hinter der Theke: „Wir hier würden sicher Samen sagen, gehst Du anderswo hin, bekommst Du eine gegenteilige Antwort. Klar arbeiten hier viele große und auch kleine Grower mit Stecklingen, aber wir Österreicher stehen auch auf Sortenvielfalt. Für jede Mutterpflanze, die später gute Stecklinge abwerfen soll, braucht man zwischen zehn und 100 Samen, je nach Selektionsgrad. Viele wollen auch nur aus Samen ziehen, weil sie den Grow von Anfang bis Ende durchziehen wollen. Ich würde sagen, wir sind sowohl bei Samen als auch bei Stecklingen in Europa ganz weit vorne. Natürlich ist das mit den legalen Stecklingen hier schon etwas Spezielles, da es sie nur hier gibt."
Ich bin also immer noch nicht schlauer und beschließe — nach einem kräftigen Zug aus dem Van Hazing —, mich Richtung Innenstadt zu begeben, um mich noch im Stecklingsparadies von Hanf & Hanf umzusehen. Ich verabschiede mich vom Indras Planet-Team und bewundere beim Rausgehen noch den Riesenjoint auf dem mittlerweile dekorierten Trecker. Vielen Dank für die Gastfreundschaft und die tiefen Einblicke, wir sehen uns am Hanfwandertag.
Hanf & Hanf... und noch mehr Hanf!
Ich rieche den Shop in der Lassallestraße 13 in der Wiener Leopoldstadt bereits, bevor ich das Logo mit dem Hanf-Affen erblicke. Drazen, langjähriger Inhaber und Szenekenner, empfängt mich schon in der Tür. Der Kundenbereich ist im Vergleich zur 400 m2 großen Gärtnerei in den Hinterräumen des Hauses überschaubar, bietet aber alles, was man zum Anbau von Pflanzen unter Licht benötigt, inklusive schickester Hanfdamen und natürlich auch Saatgut verschiedenster Hersteller. Die laute Reggaemusik im Kundenbereich gefällt, ist aber nicht unbedingt das, was ich unter „Verkaufsatmosphäre" kenne. Die Musik diene, so Drazen, der Wahrung der Privatsphäre seiner Kunden. Er sei auch kein Fan von Dauerbeschallung, aber schließlich müsse ja der nächststehende Kunde nicht wissen, welche Sorten oder wie viele Pflanzen man zur Aromatherapie erwerben wolle. Das leuchtet ein, und nach einer kurzen Shoprunde, bei der mir vor allen Dingen die schön in Szene gesetzten, bereits bestückten Komplettsets verschiedenster Größen ins Auge stechen, zeigt mir Drazen das Herzstück von Hanf & Hanf, seine Stecklingsgärtnerei. Schon beim Betreten des ersten Raums, wo die bereits fertigen Stecklinge stehen, die als Nachschub für den Laden dienen, schlägt mir ein tropisches Klima entgegen, das meine Brille und die Kamera erst einmal beschlagen lässt. „Wir haben hier durchgehend über 70 Prozent Luftfeuchtigkeit, die Pflanzen sollen ja wachsen und nicht blühen. Deshalb haben wir auf-gehört, Aktivkohlefilter zu benutzen. Selbst den besten Filter musste ich spätestens nach zwei Monaten wechseln, jetzt benutzen wir nur noch Geruchsneutralisatoren wie ONA-Blocks, die man direkt in die Lüftung hängen kann. Zu 100 Prozent bekomme ich den Geruch sowieso nicht gefiltert, aber die Nachbarn haben sich nach anfänglichem Unmut mit den Jahren dran gewöhnt."
400 verwinkelte Quadratmeter Hanf
Wir durchschreiten die gesamte Gärtnerei, vorbei an fertigen, halbfertigen und ganz frischen Steck- und Sämlingen, riesigen Luftbefeuchtern, überdimensionalen Lüftern und Ventilatoren, Schneidezubehör und geschäftigen Gärtnern, bis wir einen gut 50 m2 großen Raum voller Mutterpflanzen erreichen. Hier machen wir es uns gemütlich und ich lasse mir von Drazen erklären, wie es das Hanf & Hanf-Team schafft. mit 14 Mitarbeitern dieses riesige Feld zu beackern und nebenbei auch noch Stecklinge per Post zu verschicken. Denn wer in Österreich wohnt, kann ab einer Mindestmenge von sechs Stück eine bunte Mischung junger Hanfpflanzen in einer transportsicheren Frischhaltebox für Jungpflanzen bestellen. Wir befinden uns jetzt im hintersten Raum der Gärtnerei, wo die gerade beschnittenen Mutterpflanzen stehen. Einen Raum davor befinden sich die frischen Stecklinge, wiederum einen Raum dahinter die gerade bewurzelten. Und so geht es dann Raum für Raum weiter, bis wir die ungefähr 14 Tage bis drei Wochen alten Stecklinge in 7x7-Cubes erreichen, die dann voll bewurzelt in den Verkaufsraum gehen. Der zweite große Raum im Zentrum des Gartens dient zum Schneiden der Babys. Während meines Besuchs waren alleine hier fünf Mitarbeiter damit beschäftigt, für Nachwuchs zu sorgen. Steinwolle sieht man bei Hanf & Hanf nur noch sehr selten, die Produktion wurde komplett auf organische Eazy Plugs umgestellt. Besonders stolz sind die Gärtner auf die großen 7x7er Anzuchtwürfel. Sie bestehen, genau wie die Eazy Plugs, aus Torf sowie einem organischen Binder und sind somit die bessere, natürliche Alternative zu Steinwolle. Zudem sind sie kein Sondermüll und Algenbildung ist, anders als bei Steinwolle, auch nicht zu beklagen. Dies ist derzeit der einzige Stecklingsladen, der seine Hanfdamen in großen Würfeln dieser Qualität anbieten kann. Natürlich möchte ich von Drazen noch ein wenig mehr über seine Sorten erfahren. Neu im Sortiment sind einige selbstblühende Sorten, die er und seine Mitarbeiteraus Samen ziehen. Besonders jetzt, wo die Outdoor-Saison gerade angefangen hat, ist die Nachfrage nach den Selbstblühern immens. Ist das Frühjahr vorbei, sinkt das Interesse, weil kaum jemand Automatics unter Kunstlicht anbaut.
Allerdings habe ich schon Freaks getroffen, die ein paar nicht benötigte Quadratzentimeter Platz ihrer Mutterkammer zum Blühen von ein paar feminisierten Automatik-Ladys genutzt haben und mit vorzeigbaren Ergebnissen aufwarten konnten.
Drazen nimmt grundsätzlich nur Strains ins Sortiment auf, die vorab von vertrauenswürdigen Gärtnern und Aromatherapeuten auf ihre Eigenschaften getestet wurden. Einen Lieblingsstrain oder die „Super-Sorte" will er nicht nennen, schließlich gehe es um die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden, und die seien eben verschieden. Grundsätzlich unterscheide er zwischen „grünen" und „weißen" Strains. „Grüne" seien eher Sativa-lastige, verzweigte Langblüher mit dunkelgrünem Teint, "weiße" hingegen weniger satt-grün im Wuchs und aufgrund der Topbud-Lastigkeit weiß schimmernde Ertragswunder, oft gut für einen SOG (Sea of Green) geeignet. Viele Sorten lägen auch irgendwo dazwischen. Eine typisch „weiße" Sorte sei die Chronicvon Serious Seeds, eine typisch grüne Sorte eine Super Silver Haze von Green House Seeds. Aber weiß sei nicht gleichbedeutend mit Indica, grün nicht mit Sativa. Die White Widow sei ein Beispiel, dass eine Sorte mit Sativa-Anteil trotzdem „weiß" sein kann.
Da ich im „Schneideraum" sowohl Stecklingshäuschen mit Deckeln als auch Trays ganz ohne Deckel gesehen habe, interessiert mich, welche Methode effektiver ist. Beide hätten Vor- und Nachteile, erklärt mir einer der freundlichen Hanfgärtner. Mit Deckeln bewurzeln die Mädels noch ein wenig schneller, müssen aber jeden Tag gelüftet und besprüht werden. Ohne Deckel sind viele starke Luftbefeuchter notwendig, dafür braucht man weniger Platz für die Babys und kaum Pflege. Außerdem brauchen die Kleinen ohne Deckel ein oder zwei Tage länger zum Anwurzeln.
Zurzeit gibt es bei Hanf & Hanf 24 Sorten feinster Selektionen, darunter auch fast einmalige Legenden wie den Clone-Only-Strain Bushman oder echte Seltenheiten wie White Satin von Mandala Seeds. Viele Kunden fragten allerdings während meines Aufenthalts nach selbstblühenden Stecklingen, was angesichts der Jahreszeit und der Einfachheit des Anbaus der Selbstblüher kaum verwunderlich war. Ich bin nach zwei Stunden in der Cannabisgärtnerei total verschwitzt und trotz Sonnenbrille im wahrsten Sinne des Wortes geblendet, was meinen Gastgeber veranlasst, die Örtlichkeit zu wechseln, um den Tag bei einem echten Wiener Kaffee und einer Sportzigarette ausklin-gen zu lassen. Doch auch mit neu geschöpfter Energie aus der White Satin-Tüte und dem „Braunen" kann ich nicht sagen, was angesagter ist: Stecklinge oder Samen. Drazen meint selbstverständlich, Stecklinge seien wahre Wiener Hanfkultur. Ist ja eigentlich auch egal, solange jeder nach seinen ganz persönlichen Vorlieben glücklich werden kann.